Die Berliner Kunst- und Kulturszene ist das bunte, hippe und junge, aber auch das traditionsbewusste, staatstragende Aushängeschild der Stadt. Die Vielfalt des kulturellen Angebots lockt Besucher*innen aus Deutschland und der Welt. Berlin als kreatives Herz Deutschlands, wenn nicht Europas, zieht darüber hinaus Künstler*innen und Kreative aus dem In- und Ausland an. An dieser Selbstdarstellung ist viel dran. Doch es gibt auch ganz
andere Erfahrungen mit dem Berliner Kulturbetrieb: Ein wachsender Anteil der über eine Million Berliner*innen, die diese Angebote als Besucher*innen gar nicht oder kaum wahrnehmen und die sie als Kreative nicht mitgestalten, gehört Gruppen an, die im Berliner Kulturbetrieb Diskriminierung erleben. Berlin ist reich an Hintergründen, Perspektiven, Herkünften, Erfahrungswelten – doch diese Vielfalt findet sich im Kulturbetrieb zu wenig wieder. Angesichts der wachsenden Vielfalt Berlins, Deutschlands und der Berlinbesucher*innen ist die Frage der Diversität und Inklusivität der Berliner Kultur eine Zukunftsfrage. Rassismus, Sexismus, Altersdiskriminierung, das Behindertwerden durch Strukturen – all dies schafft Barrieren, die den Berliner Kulturbetrieb vielfaltsärmer machen, als es die Stadt ist. Hinter dieser Tatsache steht jenseits der Zahlen und demografischen Trends eine Vielzahl an Erfahrungen: die Erfahrungen all derjenigen, die im Berliner Kulturbetrieb Ausschlüsse erlebt haben und sich daraufhin entschlossen haben oder sogar gezwungen waren, ihr Engagement zurückzufahren, kulturelle Angebote weniger wahrzunehmen sowie ihre Fähigkeiten und ihr Interesse anderen Orten und Szenen zuzuwenden.

Für Berlin als Kulturstadt bieten die Erfahrungen der aus der Kulturszene Ausgegrenzten zentrale Einsichten: Wie ist es um Vielfalt in dieser Schlüsselbranche der Stadt bestellt? Welches sind die Barrieren, die verhindern, dass der Kunstbetrieb genau so divers ist
wie das Berliner Straßenbild? Welche Erfahrungen gibt es – und wie ist der Umgang mit ihnen? Welche kreativen Lösungen finden Menschen, die oft wider Willen zu „Nicht-Besucher*innen” und „Nicht-Akteur*innen” im Kunstbetrieb geworden sind? Diese und weitere Fragen haben wir in Gruppengesprächen gestellt. Zu den insgesamt vier Fokusgruppen waren Menschen mit vielfältigen Erfahrungen eingeladen: Menschen,
die in Bezug auf ihre diasporischen Bezüge, ihre Geschlechtervielfalt, die Diversität der in Berlin vertretenen Kunstsparten sowie wegen rassistischer, sexistischer und anderer Ausschlüsse unterschiedliche Erfahrungen im Berliner Kulturbetrieb gemacht haben. In den
Gesprächen wurde eine Vielzahl an Erfahrungen, Erwartungen und Strategien geteilt, die ebenso vielfältige lebensweltliche Einblicke bietet. Um einen ehrlichen und tiefgehenden Austausch zu ermöglichen, wurde den Teilnehmenden Anonymität zugesichert. Damit ihre Erfahrungen, Perspektiven und Erwartungen dennoch zugänglich sind, wurden diese
nach eingehender Analyse aller Gespräche fiktionalen Personas zugeordnet. Die Porträtbilder auf den folgenden Seiten sind also fiktionalisiert – die Inhalte dafür umso realer. Die
Personas bieten damit eine Chance, vorhandene Barrieren in ihren Auswirkungen lebensnah nachzuvollziehen. Sie sind eine Einladung an Entscheider*innen in Politik, Verwaltung und Kultureinrichtungen sowie an Interessierte, den Ist-Zustand kritisch zu hinterfragen.
Sie bieten darüber hinaus auch die Möglichkeit, neue Ideen für Veränderungen konkret zu prüfen. Denn um wirklich inklusiv wirksam zu sein, müssten geplante Maßnahmen mehrere der von den Personas genannten Aspekte konkret verbessern. Die Personas machen politische Fragen persönlich, verbinden Story mit Struktur – und ermöglichen so
eine Auseinandersetzung, aus der nachhaltige Veränderung erwachsen kann.

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